Archiv für den Monat: November 2014

Wie die Feuerwehr

Seit vielen Jahren dämmen die Deutschen wie verrückt die Außenwände ihrer Häuser. Die Regierung fördert diesen Aktionismus, die Baustoffindustrie verdient daran Milliarden.

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Nach einem Bericht des Spiegel stellen nun die Bauminister der Bundesländer fest: Die Styroporplatten fangen rasend schnell Feuer.

Da denken wir uns: Ach was. Um das zu wissen, muss man doch kein Experte und Bauminister sein. Wir haben schon als Kinder festgestellt, dass das Zeug brennt wie Zunder.

Und wir fragen uns: Wieso brauchen diese angeblichen Experten viele Jahre, um solch einen Versuch auf die Beine zu stellen und zu dieser überraschenden Erkenntnis zu kommen? Wieso lassen die uns erst Millionen von Quadratmetern Brandbeschleuniger an die Hauswände kleben, ehe sie mit dieser Nachricht um die Ecke kommen?

Nun, wir wollen hier keine Absicht unterstellen. Die Fachleute haben mit diesem komplizierten Versuch eben etwas länger gebraucht. Muss man verstehen: Das muss geplant, abgewägt, durchgeführt und analysiert werden.

Dumm gelaufen für all jene, die das Zeug nun an ihrem Haus haben. Ab sofort: Rauchen auf dem Balkon verboten. Wir empfehlen: Abriss aller Wärmedämmungen und Neudämmung mit nicht brennbaren Materialien. Die Baustoffindustrie stellt schon mal den Sekt kalt.

Anschließend werden die Bauexperten dann feststellen, dass man das leicht entzündbare Styropor gar nicht hätte abreissen müssen. Weil nämlich die feuchte Schimmelbildung, die durch die Platten erzeugt wird, die Brandgefahr kompensiert. (Foto: Pixabay)

Macht, Middelhoff und das Sein

Heute, am 14. November 2014, wurde das Urteil gegen den früheren Bertelsmann-, Karstadt- und Arcandor-Chefmanager Thomas Middelhoff gesprochen: Drei Jahre Haft. Ihm wurde unter anderem vorgeworfen, mit dem Hubschrauber ins Büro geflogen zu sein. Nun, wer macht das nicht? Spiegel-Online-Redakteur Christian Rickens hat dazu einen interessanten Kommentar über den Einfluss von Macht auf den Menschen geschrieben. Tenor: Wer Macht hat oder dazugewinnt, verändert sich und tendiert zu einem rücksichtsloseren Verhalten. Er nutzt seine Macht aus.

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Das Fatale daran: Dieser Mechanismus funktioniert auch anders herum. Wer Macht verliert, verliert häufig auch an Eloquenz, Charisma, Überzeugungskraft. Der Auftritt eines Machtlosen ist fahler als der eines Machtinhabers. Wer nicht über einen starken Charakter verfügt, sackt bei Machtverlust in sich zusammen und strahlt dies – wenn auch unbewusst – aus.

Beispiel: Degradierung im Job. Sie verlieren ihre Position als Abteilungsleiter und sind plötzlich wieder nur ein Schaf innerhalb der Herde. Haben Sie in Besprechungen bisher den Ton angegeben, fallen Sie nun kaum mehr auf. Zusammengesunken und wortkarg sitzen sie auf ihrem Stuhl und hoffen, dass die Runde sich alsbald wieder auflöst und Sie sich in Ihr Büro zurückziehen können. Sie sehen übernächtigt und gestresst aus, ihre Stimme hat einen unsicheren, unterwürfigen Ton, Ihr Gang ist nach vorne gebeugt.

Noch deutlicher wird diese Entwicklung, wenn Sie Ihren Job komplett verlieren. Anfangs wehren Sie sich noch gegen ihren allmählichen Verfall, wollen ihn nicht wahrhaben. Aber wie eine schleichende Krankheit kommt es über Sie: Sie bleiben morgens jeweils ein bisschen länger liegen und grübeln. Sie setzen sich in Schlafkleidung an den Frühstückstisch statt sich vorher zu waschen, umzuziehen und die Haare zu kämmen. Sie blicken in den Tag und wissen nicht, was mit ihm anzufangen ist. Ihr Gesichtsausdruck, früher fest und forsch, ist nun unsicher, ihr Blick ausweichend. Jedes Mal, wenn Sie nach draußen gehen, müssen Sie sich einen Ruck geben, um eine Fassade aufzubauen, die mit Ihrer wirklichen Verfassung nichts mehr zu tun hat.

Alle spüren es, unbewusst: Ihre Kinder. Ihre Eltern. Ihre Freunde. Falls Sie den Wunsch verspüren, in dieser Verfassung einen neuen Lebenspartner zu suchen – vergessen Sie es! Der potenzielle Partner, die potenzielle Partnerin wird beim ersten Date merken, dass irgendetwas mit Ihnen nicht stimmt.

So ist das Spiel: Die Macht macht mit uns etwas, subtil, schleichend, kaum wahrnehmbar. Wie ein Tropfen, der in unsere Suppe fällt – mal etwas zuviel, mal etwas zu wenig.

Und Thomas Middelhoff? Das Urteil hat ihm die letzten Machtreste genommen. Er bemüht ein Lächeln, doch der tiefe Fall ist ihm anzusehen.