Giftgas aus Russland – wo sind die Beweise?

Die britische Regierung beschuldigt Russland, die russische Regierung, für das Giftattentat auf den ehemaligen russischen Agenten Sergej Skripal und dessen Tochter Yulia auf britischen Boden verantwortlich zu sein.

Man kann Sympathien für Russland hegen oder gegen Russland eingestellt sein – das spielt hier keine Rolle. Entscheidend ist, dass in diesem Fall massive Vorwürfe gegen Moskau erhoben werden, ohne dass London Beweise für seine Vorwürfe präsentiert. Das aber wäre die Voraussetzung dafür, um Strafmaßnahmen gegen Russland, wie sie nun von der britischen Regierung initiiert worden sind, zu beginnen. Stattdessen hat Theresa May die Sanktionen in Kraft gesetzt, ohne der britischen und europäischen Bevölkerung darzulegen, wie sie und ihre Behörden die Schuld Moskaus nachweisen wollen oder können. Und die europäischen Staaten, so scheint es, stimmen ihr dabei zu. Tatsächlich stellen auch sie die entscheidende Frage nach dem Beweis nicht.

Es ist ein bisschen wie bei dem kleinen Mädchen, dass sich einen Rüffel der Mutter einfängt, (vor 25 Jahren wäre es vielleicht eine Ohrfeige gewesen), weil es verdächtigt wird, eine Tafel Schokolade aus dem Schrank entwendet und aufgegessen zu haben. Gut: Die Schokolade fehlt. Nur: Die Mutter hat nicht mit eigenen Augen gesehen, wie ihre Tochter nach der Süßigkeit gegriffen haben soll. Die Tochter selbst wiederum streitet jegliche Schuld ab. Dennoch wird sie bestraft.

Es mag ja Indizien oder Auffälligkeiten geben, die eine Verstrickung Moskaus in das Attentat auf Skripal und dessen Tochter vermuten lassen: Mehrere ungewöhnliche Todesfälle ähnlicher Art in Großbritannien in den vergangenen Jahren. Zynische Kommentare aus Russland gegenüber „Verrätern“. Keine eindeutige Distanzierung Wladimir Putins zu den Taten.

Doch allein aus der Tatsache (ist es wirklich eine Tatsache?), dass der angebliche Giftstoff einst in russischen Laboren entwickelt worden sein soll, ist noch kein Beleg dafür, dass Russland in diesem Fall auch hinter dem Anschlag steckt. Zieht London denn keine Alternativen in Betracht? Dass das Gift in falsche Hände geraten sein könnte? Dass ein Dritter hier, aus welchen Motiven auch immer, Rache nimmt? Und wieso beteiligt London nicht Moskau an der Untersuchung des Falles, möglicherweise überwacht von einer neutralen Institution?

Man könnte auch die Frage stellen, ob es wirklich schlau von der russischen Regierung wäre, einen solchen Anschlag auf diese Weise zu begehen? Das Gift wird Moskau zugeordnet. Würde Russland also nicht eine andere Methode, einen anderen und weniger nachweisbaren Stoff, wählen, um solch ein Attentat zu verüben? Ist Moskau wirklich so „doof“, sich derart plump der internationalen Kritik auszusetzen?

Man kann zu Moskau stehen wie man will – so lange keine Beweise vorgelegt werden, sollte auch in diesem Fall die Unschuldsvermutung gelten. Oder wie war das damals mit der Begründung von US-Präsident Bush, den Irak anzugreifen?

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.