Der Präsident und der Herr vom Geheimdienst

Vor Beginn des Stückes wirft ein Projektor folgende Informationen auf den Vorhang oder eine Leinwand:

Vladimiro Lenin Montesinos Torres

geboren am 20. Mai 1945 in Arequipa, Peru

Haarfarbe: schwarz

Augenfarbe: schwarz

Grösse: mittelgroß

 

Wahlausweis Nr. 25199645

Personalausweis Nr. 09296012

Reisepässe:

–         Nr .003558, Ausstellungsdatum unbekannt

–         Nr. 0000185, ausgestellt am 14.11.1995

–         Nr. 0053205, ausgestellt am 19.3.1998

–         Nr. 1619539, ausgestellt am 9.11.1998

–         Nr. 1669488, ausgestellt am 2.3.1999


Blick nach vorn

Vladimiro Montesinos; Alberto Fujimori; der Medienunternehmer Ernesto Schutz; Pinchi Pinchi

 

Eine Feier. Hintergrundmusik.

Fujimori hebt sein Rotweinglas: Zum Wohl, meine Freunde. Lasst uns auf dieses Jahr trinken. Ein weiteres Jahr. Wir haben viel erreicht. Für diese Land. Für die Menschen. Für uns!

Beifall von den Umstehenden

Fujimori: Die Inflation zum Beispiel. Vor drei Jahren lag sie noch bei… blickt fragend in die Runde

Schutz: …7600.

Fujimori: …bei 7600 Prozent. Heute sind wir bei, ähh, bei 140 Prozent. Oder eher darunter, nicht wahr? Was für eine Entwicklung, meine Freunde! Von 7600 auf 140. Wenn man bedenkt, dass vor uns nur Chaos und Terror herrschte. Und jetzt?

Schutz: Bravo. Klatscht, die anderen tun es ihm nach Die Leute sind Ihnen dankbar. Ich weiß das, denn ich habe jeden Tag mit ihnen zu tun. Endlich können sie mit ihrem Geld wieder etwas anfangen. Einkaufen. Ins Restaurant gehen. Ihr wisst, wie gerne die Leute ausgehen. Das Geld hat wieder einen Wert. Das ist es, was zählt.

Pinchi Pinchi: Wenn dir das Geld in den Fingern zerrinnt, hast du keine Sicherheit. Alles zerrinnt. Nichts bleibt. Und jetzt? Jetzt haben wir wieder Verlässlichkeit. Das ist das Wichtigste: Verlässlichkeit. Bravo Präsident! Bravo Fuji! Erneutes Klatschen

Fujimori: Danke, Freunde. Danke. Wir haben hart gearbeitet für diesen Erfolg. Doch wir dürfen uns nicht ausruhen. Es bleibt noch viel zu tun. Der Terror… Wir werden alles tun, um Guzmán zu kriegen. Guzmán ist das Problem. Er hat viele Anhänger. Dieses ganze revolutionäre Geschmeiß. Wir können keine Rücksicht mehr nehmen. Jemand muss diesen Job erledigen. Ich werde nicht nur das Geld sicher machen, sondern auch dieses Land. Ich will, dass die Menschen nachts wieder auf die Straße gehen können. Dass sie wieder reisen können, ohne überfallen zu werden. Dass sie in ihren Dörfern nicht mehr von feigen Killern umgebracht werden.

Und dann, liebe Freunde, wenn das geschafft ist, werden wir dieses Land in eine neue Ära führen. Wir werden es wirtschaftlich voranbringen und zu einem Vorbild für den ganzen Kontinent machen. Denn Peru hat es verdient. Die Peruaner haben es verdient. Ihr habt es verdient. Danke.

Beifall

Schutz wendet sich Fujimori zu: Es heißt, ihr wollt jetzt doch an das Thema Privatisierungen rangehen.

Fujimori: Wie „es heißt“? Frage mich, Ernesto, frage mich. Ich bin der Präsident. Ich sollte es wissen. Der Staat muss nicht mehr alles selber machen. Fluglinien, Bergwerke, Energie, Telekommunikation – das können private Firmen ebenso gut. Mindestens. Uns bringt es Milliarden. Wir können das Geld gebrauchen. Der Kampf gegen den Terror kostet.

Schutz: Die Leute haben Angst um ihre Arbeitsplätze.

Fujimori: Schon wieder so eine Floskel, Ernestito. „Die Leute.“ Wer sind „die Leute?“ Zu mir ist noch keiner gekommen. Niemand wird wegen der Privatisierung seinen Job verlieren. Im Gegenteil: Wir werden neue schaffen. Arbeit für alle, Ernesto.

Schutz: Ich sage nur, was die Leute denken. Damit Du Bescheid weißt. Die Gewerkschaften…

Montesinos tritt dazu, legt seine Hand auf Ernestos Schulter: Die Gewerkschaften haben wir unter Kontrolle, Ernesto. Mach dir keine Sorgen. Der Präsident wird in den nächsten Wochen durch das Land reisen und deutlich machen, wofür die Regierung steht. Er wird Schecks verteilen, Suppenküchen eröffnen, Kindergärten einweihen. Da wäre es gut, wenn du ein Kamerateam mitschickst.

Schutz: Klar, sowas gibt immer gute Bilder. Ich werde gleich morgen…

Montesinos: …Nicht nötig Bruder, ich habe schon mit Romero gesprochen.

Schutz: So?

Montesinos: Ein guter Journalist. Auf den kann man sich verlassen. Außerdem müssen wir an die nächsten Wahlen denken.

Schutz: Ihr wisst, dass eine Wiederwahl nicht möglich ist.

Montesinos lächelt: Die Verfassung muss nicht auf alle Zeiten festgeschrieben sein.

Schutz: Dafür bekommt ihr in Kongress und Parlament keine Mehrheit.

Fujimori: Alles nur eine Frage der Überzeugung.

Montesinsos: Es sitzen zu viele Querulanten in diesen Labergremien. Die denken nur an sich. Das Land interessiert die doch nicht

Fujimori: Eben. Da müssen wir ansetzen. Wendet sich den anderen Gästen zu

Montesinos: Zu Schutz Wir beide wissen doch, dass die Kompetenzen des Kongresses sowieso zu weit gehen.

Schutz erstaunt: Aber…

Montesinos: Vorübergehende Eingriffe, nicht mehr. Und das auch nur, wenn es gar nicht anders nicht geht.

Schutz: Wie soll ich das den Zuschauern erklären?

Montesinos: Dir wird schon was einfallen, Ernesto. Soll denn wieder so ein Spinner wir Garcia die Macht übernehmen? Das Land zurückwerfen in die Anarchie? Gewalt und Terror? Nein, der Präsident wird seine Aufgabe zu Ende führen. Und Du kannst etwas dafür tun. Du bist ein mächtiger Mann. Deine Sendungen sehen Millionen.

Schutz: Ich muss auf meine Glaubwürdigkeit achten. Man darf nicht zu plump werden.

Montesinos: Sicher, Du musst Distanz wahren. Dafür hast du ja deine kritischen Leute. Hildebrandt zum Beispiel. Ihr macht ja diese Interviews mit dem Schreiber. Gorriti. Ihr hinterfragt doch: Wer ist der Präsident wirklich? Macht er einen guten Job? Macht ihr doch alles. Natürlich brauchst du auch die großen Namen. Die Chefs. Die, die entscheiden und alles regeln. Ich könnte dich mal wieder mit der Colán zusammenbringen.

Schutz: Klar, die Colán ist immer gut für die Quote.

Montesinos: Ich denke an dich. Die Frau ist über jeden Zweifel erhaben. Niemand sagt ein schlechtes Wort über die Oberstaatsanwältin. Sie bezieht klare Positionen. Sowas brauchst du für deine Glaubwürdigkeit. Die Steuersache des Präsidenten – sie sagt, das ist wasserdicht. Leider glauben das da draußen noch nicht alle. Also wäre es gut, wenn es ihnen die Colán direkt sagen würde. Oder diese alte Geschichte mit seiner Nationalität. Immer rührt da wieder einer drin rum. Die Colán hat das doch untersucht. Alberto ist Peruaner, basta. Es würde helfen, wenn sie das den Leuten noch mal so eindeutig sagen könnte.

Schutz: Klar, schick sie vorbei. Ich werde meine besten Leute da ransetzen.

Montesinos: Ich rede gleich morgen mit ihr. Das festigt eure Position. Du musst ja auch schauen, wo du bleibst, nicht? Du machst seriösen Journalismus. Keine Polemik. Keine Chicha, diesen Müll.

Pinchi Pinchi und Fujimori treten dazu:

Pinchi Pinchi: Zu Montesinos Und, wann nehmt ihr euch Guzmán vor?

Montesinos: Er wechselt mittlerweile wöchentlich die Wohnung. Der Mann ist nervös.

Pinchi Pinchi: Dafür hält er sich ziemlich lange.

Fujimori: Er konnte nur so stark werden, weil Garcia ihn in Ruhe gelassen hat. Er brauchte Guzmán als Buhmann, um in Ruhe seine eigenen Geschäfte machen zu können.

Montesinos: In der Beziehung könnte man direkt von ihm lernen.

Pinchi Pinchi: Also Guzmán noch eine Weile zappeln lassen?

Montesinos: Wenn der Fisch zu lange am Haken hängt, fängt er an zu stinken.

Fujimori: Guzmán meint vielleicht, die Leute würden seine Verschwörungstheorien unterstützen. Diese Gefasel von Gleichheit und Gerechtigkeit. Ich werde diesen wahnsinnigen Terroristen zur Strecke bringen. Man darf nicht zu lange zögern. Sonst verlieren die Leute das Vertrauen. Sonst denken sie, der kann es nicht.

Montesinos: Bei Guzmán hilft nur Härte.

Fujimori: Wenn ich Guzmán habe, habe ich das ganze Volk.

Pinchi Pinchi: Dann sind Ihnen die nächsten zehn Jahre ja sicher, Präsident.

Lachen

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